Summer Schools : Politik, Pop Und Martin Luther

Reflexionen über Religion und Tod, Musik und Sprachgewalt: Mit dem Rundfunkchor Berlin, mit Kompositionen von Johann Sebastian Bach, Knut Nystedt und Steve Reich umkreist der Regisseur Robert Wilson die Gestalt des Reformators. „Luther dancing with the gods“ nennt sich das szenische Konzert, das an diesem Freitag im Pierre Boulez Saal Premiere hat. Zuletzt inszenierte der 76-jährige Amerikaner am Berliner Ensemble Samuel Becketts „Endspiel“ – mit Jürgen Holtz, der hier als Martin Luther auftritt. Die Sängerinnen und Sänger des Rundfunkchors umkreisen das Publikum, sie sind in Bewegung.

Mr. Wilson, Ihr Bach-Stück will „mit den Göttern tanzen“. Und das tun die Sängerinnen und Sänger des Rundfunkchors auch. Sie bewegen sich tänzerisch, sie erkunden den Raum. Der Plural „Gods – Götter“ deutet an, dass es hier wohl nicht nur christlich zugeht?

Ich bin kein religiöser Mensch. Deshalb bin ich aus Texas weggegangen. Mein Vater war strenggläubig, ein typischer Baptist aus dem Süden, politisch rechts. Es galt als Sünde, ins Theater zu gehen oder zu Tanzveranstaltungen. In meiner Junior High School in Waco gab es einen speziellen Kasten, und jeden Freitag um zwei Uhr konnte man einen Zettel mit dem Namen eines Mitschülers einwerfen, der gesündigt hatte. Und alle haben dann für den Sünder in der „prayer box“ gebetet.

Und dann machen Sie einen Abend über Luther und den Glauben?

Religion trennt die Menschen, wie die Politik, schauen Sie doch einfach nur in die Nachrichten. Für mich bedeutet Religion, einem Menschen oder einer Sache vertrauen zu können, was immer es sein mag. Ich sehe die Dinge abstrakt. Die unglaubliche Musik von Bach ist ein Meisterwerk der Architektur. Struktur gibt mir Freiheit. Ich bin bei „Dancing with the gods“ von der Musik ausgegangen und habe mir Luthers Leben angeschaut – und da kommt jetzt auf der Bühne das Kind ins Spiel, der Junge, am Anfang und am Ende, bei Luthers Tod. Ich will keine Schwermut, kein deprimierend trauriges Stück Theater.

Sie wollen der Musik etwas entgegensetzen?

Wenn ich Richard Wagners „Parsifal“ höre und ich weiß nichts von all den Geschichten und Mythen, von den Ritualen und Sakrilegien, um die es da geht, so ist es doch erhebend. Und wenn ich Bach höre, ist es ein spirituelles Erlebnis.

So braucht man, um sich der Musik zu nähern, keine Kenntnis von Bach? Es ist auch nicht wichtig, wie er zum Glauben stand, wie Religion und Reformation ihn beeinflussten?

Wenn ich als Mann von der Straße in eine katholische Kirche gehe, in eine Messe, kann es mich ergreifen. Ich muss nichts wissen von Religion und Liturgie. Luther war ein großer Mann, vielleicht auch ein Monster. Sollte ich zu viele dunkle Seiten von ihm zeigen, nun – du kannst den Himmel nicht ohne die Hölle haben.


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Source : http://www.tagesspiegel.de/kultur/interview-bob-wilson-zum-berliner-luther-projekt-du-kannst-denhimmel-nicht-ohne-die-hoelle-haben/20412250.html

Interview Bob Wilson zum Berliner Luther-Projekt : „Du kannst den Himmel nicht ohne die Hölle haben“